Der Kollege erscheint zur Videokonferenz vor grünem Hintergrund. Bäume, Sträucher, Sonnenschirm – Campingplatz. Zwei andere sitzen etwas verloren im Grossraumbüro, gräulicher Hintergrund. Die Mehrheit meldet sich aus dem Homeoffice, sie sitzen in der Küche oder vor einem Büchergestell, manchmal hüpft ein Kind durchs Zimmer. So präsentiert sich der Arbeitsbeginn in einem Schweizer Dienstleistungsunternehmen – im Monat vier nach dem Corona-Shutdown.

Dabei hat der Bund die Homeoffice-Empfehlung aufgehoben, die Angestellten könnten wieder im Büro arbeiten. Doch es gibt kein einfaches Zurück. Arbeit und Privatleben lassen sich im Homeoffice oft einfacher koordinieren, das aufreibende und umweltschädigende Pendeln fällt weg. Viele Angestellte sind zudem überzeugt, zu Hause produktiver zu arbeiten. 41 Prozent sagten das in einer Befragung des Unternehmensberaters Deloitte im Mai. Ein Viertel sieht es genau umgekehrt. Ganze 80 Prozent der Schweizer wollen gemäss der Gewerkschaft Syndicom auch nach der Corona-Krise von zu Hause aus arbeiten. Nur 6 Prozent lehnen dies ab.

Ähnlich sehen es die meisten Unternehmen: Vier von fünf wollen gemäss einer UBS-Umfrage im Juni auch nach der Rezession an Homeoffice-Lösungen festhalten. Im vergangenen Jahr verbrachten laut Bundesamt für Statistik nur gerade 3 Prozent der Angestellten mehr als die Hälfte ihrer Arbeitszeit im Homeoffice.

«Die unsäglichen Grossraumbüros treiben die Angestellten geradezu nach Hause.»

Luca Cirigliano, Zentralsekretär SGB

Doch jetzt schwärmt selbst der Gewerbeverband von der Heimarbeit. «Die Unternehmen haben die Angst vor dem Homeoffice verloren. Die Vorstellung vom Mitarbeiter, der zu Hause auf der faulen Haut liegt, war ja schon immer unberechtigt. Jetzt hat sich gezeigt, dass auch technische Hürden einfach überwindbar sind», sagt Henrique Schneider, stellvertretender Direktor beim Gewerbeverband.

Und verlangt gleich eine gesetzliche Liberalisierung: «Das Arbeitsrecht wurde eingeführt, als Angestellte in Fabriken arbeiteten, nahe beim Arbeitgeber. Die vorgeschriebenen Maximalarbeitszeiten und Pausenregelungen sind viel zu starr. Homeoffice ist im Gesetz gar nicht vorgesehen.»

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Konkret müsse die maximale tägliche Höchstarbeitszeit flexibilisiert werden, da Angestellte zu unterschiedlichsten Zeiten produktiv arbeiteten. Überzeit müsse man auch mal später kompensieren können, die insgesamt geleistete Arbeitszeit ändere sich dadurch ja nicht.

Für Luca Cirigliano, Zentralsekretär des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB), wäre das verheerend: «Die minimalen Regeln zur Arbeitszeit müssen auch für das Homeoffice gelten. Das Gesetz muss die Gesundheit der Arbeitnehmenden schützen.» Cirigliano relativiert die Homeoffice-Euphorie: «Die unsäglichen Grossraumbüros Grossraumbüros abschaffen Diese Büros sind des Teufels treiben die Angestellten ja geradezu nach Hause. Es ist darum falsch, pauschal vom freiwilligen Homeoffice zu sprechen.»

Riskantes Beisammensein

Unternehmer und Managerinnen haben gleich etliche neue Herausforderungen zu bewältigen: Heim- und Büroarbeit gleichzeitig ermöglichen, die Belegschaft zusammenhalten und dabei das Social Distancing nicht vergessen.

Ganze Unternehmen können in Quarantäne geschickt werden, wenn Distanzregeln nicht eingehalten werden. Davon betroffen waren bisher Schulen, Kitas, Bars und Klubs. Doch Anfang Juli erwischte es ein Handelsunternehmen in der Waadt. Der Kanton schickte alle 60 Angestellten in Quarantäne, nachdem sich vier Mitarbeitende angesteckt hatten, vermutlich ausserhalb der Firma.

Die Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers versucht die Distanzregeln mit einem Reservationssystem einzuhalten. «Wer im Büro arbeiten will, muss online einen Platz reservieren. So stellen wir sicher, dass maximal 60 Prozent der Arbeitsplätze belegt werden und der 1,5-Meter-Abstand eingehalten wird», sagt Sprecher Konradin Krieger. Nach der Arbeit müssen alle den Platz aufgeräumt und ohne persönliche Gegenstände hinterlassen.

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Das macht das Büro sicherer, aber nicht unbedingt attraktiver. Andererseits: Wer möchte sich an den Platz eines Kollegen setzen, um dann die Fotos seiner Familie, Katzenbilder oder den Wimpel des falschen Fussballklubs zu sehen?

Begegnungen sind wichtig

Die Organisation der Büroplätze ist eine vergleichsweise einfache Aufgabe. Die Kommunikation zwischen Angestellten und der Führungsriege bedeutend schwieriger. Genügt es, mit der Belegschaft nur noch über Online-Tools zu kommunizieren? Oder entschwinden sie zusehends aus dem Firmengefüge?

Für Nadine Borter kann das Homeoffice nicht die Basis für ein kreatives und innovatives Arbeiten sein. «All die raffinierten Online-Tools können echte Interaktion zwischen Angestellten nicht ersetzen», sagt die Leiterin der Berner Werbeagentur Contexta. In Bern hat das Unternehmen nur noch den Firmensitz, fixe Büros gibt es seit über einem Jahr nicht mehr. «Wir nomadisieren», sagt Borter. Die 35 Angestellten haben ihre Tische in einem Restaurant beim Zürcher Zoo aufgebaut. Das Zürcher Letzibad und die Jugendherberge waren andere Stationen.

Alle paar Monate brechen sie auf. Und es soll so bleiben. «Natürlich haben auch wir Homeoffice, aber an drei bis vier Tagen pro Woche wollen wir uns begegnen.» Alle Angestellten hätten nach dem Shutdown der Rückkehr an den Arbeitsplatz entgegengefiebert, versichert Borter.

Wechselnde Arbeitsumgebungen seien ein Rezept, Kreativität und Teamgeist zu beleben. «Es ist ja immer ein kleines Abenteuer, das wir gemeinsam durchstehen und worüber wir reflektieren. Daraus entstehen Ideen, die immer nahe bei den Menschen sind.»

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Während der Corona-Krise habe sich die Neuorganisation aus einem weiteren Grund bewährt: «Wir haben Vorgesetztenfunktionen abgebaut und organisieren uns in Projektgruppen, die dann Aufgabenverantwortliche definieren.» Das fördere bei allen die Identifikation mit der Arbeit, so Nadine Borter.

Soziale Kompetenzen bei der Führungsriege gefragt

Ob im Büro oder an einem anderen Ort: Die Führung während und nach der Corona-Krise verlangt mehr soziale Kompetenzen, um die Unternehmenskultur zu bewahren. Führung auf Distanz funktioniere nur, wenn Chefs bereit seien, Kontrolle über ihre Mitarbeiter abzugeben, so Jutta Rump, Direktorin des deutschen Instituts für Beschäftigung und Employability. In Unternehmen mit gefestigten Hierarchien ist das vielleicht die grösste Herausforderung.

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Quelle: Beobachter Edition

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