Wir schauen nicht mehr jeden Tag als Erstes auf die Ansteckungszahlen, die Normalität ist zurück. Was hat das Coronavirus mit uns gemacht? 
Katja Rost
: Dieses unsichtbare Virus war eine abstrakte Gefahr und hochgradig verunsichernd. Wir wurden abrupt gestoppt, aus dem Alltag gerissen. Durch diese Unsicherheit sind wir zusammengerückt. Die Krise hat eine Bewusstseinsveränderung angestossen. 


Inwiefern? 
Die Globalisierung ist in den vergangenen Jahrzehnten so schnell vorangeschritten, dass klar war, dass dieses System irgendwann zusammenbrechen wird. Durch die Coronakrise haben wir gemerkt, dass die wirtschaftlichen Verflechtungen in dem Ausmass, in dem wir sie aufgebaut haben, nicht gut, nicht gesund sein können. Es ist klar geworden, dass Globalisierung auch globale Gefahren bedeutet und dass diese Gefahren keine abstrakten Gebilde sind. Sie existieren – weltweit. Und sie haben die Macht, uns zu lähmen. Wir waren plötzlich gezwungen, zu entschleunigen Entspannung Entspannen Sie richtig?


Was bedeutet das für uns? 
Durch den Stillstand wurden gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt. Uns wurde klar, dass wir auch mit weniger glücklich sein können. Und dass wir unsere Sozialstruktur und unsere Denkweise verändern müssen. 


Kommt nun die grosse gesellschaftliche Wende? 
So einfach ist das nicht. Das Virus hat zwar Trends beschleunigt, die wir bereits vor Corona beobachten konnten. Etwa das bewusstere Reisen oder die vermehrten Investitionen in nachhaltige und lokale Produktionen. Doch dass wir als komplett andere Gesellschaft aus der Krise hervorgehen, dafür war das nicht heftig genug. Wir werden schneller in die gewohnten Muster fallen, als viele denken. Die Einstellung ändert sich nicht von heute auf morgen. Dafür brauchen wir Rahmenbedingungen vom Staat. 
 

«Die Ungleichheit hat sich definitiv verstärkt. Das werden wir in den nächsten Jahren sehen.»

Katja Rost, Soziologin

Jetzt ist das Vertrauen in den Staat nicht mehr so gross, er konnte uns die Ängste nicht nehmen. 
Das Gefühl der Staatsgläubigkeit ist für die Schweiz sowieso etwas Neues. Lange Zeit hat man möglichst versucht, alles über die Wirtschaft und den Markt zu regeln. Der Staat hatte in der globalisierten Welt an Bedeutung verloren. Einige Theoretiker prognostizieren, dass der Staat wieder an Bedeutung gewinnen wird, weil solche Krisen zeigen, dass eine Steuerungsinstanz auf globaler Ebene nötig ist. 

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Teilen Sie diese Einschätzung? 
Bei globalen Gefahren wie Viren, Kriegen oder Umweltkatastrophen braucht es Autoritäten, die lenken. Unternehmen allein könnten eine solche Krise gar nicht regeln. Vor der Pandemie Pandemie Die Gefahr, die nicht interessierte konnten wir aber gut beobachten, dass die weltweite Wirtschaft viel mächtiger ist als der Staat und dass Regierungen gegenüber der Wirtschaft nichts mehr zu sagen haben. Wenn zum Beispiel ein Grosskonzern droht, wegzuziehen, wenn die Steuern nicht gesenkt werden, ist der Staat machtlos. Gegner von Staatstheorien kritisieren in dieser Krise genau das Gegenteil: die Ohnmacht gegenüber dem Staat. 


Einige sind deshalb auf die Strasse gegangen. Andere haben darüber den Kopf geschüttelt. 
Für viele hat die Staatsgläubigkeit während Corona zugenommen. Vor allem die Demonstrationen der sogenannten Corona-Rebellen warfen die Frage auf, wie viel Staat wir jetzt brauchen. Eine Spaltung erlebte man zwischen jenen, die der Meinung waren, dass es der Staat richten und finanzieren muss. Und jenen, die freie Märkte und einen freien Personenverkehr verlangten und fanden, das Leistungsprinzip solle gelten. Bei den meisten überwiegt jedoch das Gefühl, dass der Staat in der Verantwortung steht und uns sicher aus der Krise hinausmanövrieren muss. 
 

«Bei globalen Gefahren braucht es Autoritäten, die lenken. Firmen können das nicht.»

Katja Rost, Soziologin
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Wieso ist Ihrer Meinung nach die Gesellschaft in der Krise trotzdem zusammengerückt? 
Von den Kosten und Folgen, die die Pandemie verursacht, bekommen wir alle gleich viel mit. Egal, wie wir uns verhalten haben. Dadurch, dass wir als Nutzenmaximierer gezwungen waren, uns aneinander zu orientieren und Rücksicht zu nehmen, rücken wir automatisch zusammen. In den meisten Ländern haben die Menschen an einem Strang gezogen. Solidarität ist selbst zwischen verfeindeten Gruppen möglich, wenn es das Ereignis verlangt und die Interessenkonflikte marginal erscheinen. 
 

Kam es deshalb zu dieser Welle der Solidarität Bürgerdienst «Das hat nichts mit dem Helfersyndrom zu tun»
Die gegenseitige Hilfe war anfangs sehr gross. Das war nicht anders zu erwarten. Wir waren mit einer besonderen Situation konfrontiert, in der Hilfe und gegenseitiges Verständnis notwendig waren. Politische Einstellungen und Gesinnungen gingen vergessen. Wir haben gesehen, dass wir solidarisch sein können und in der Lage sind, für die Gemeinschaft zurückzutreten. 
 

Anfangs war die Solidarität immens. Doch sie hielt nur kurze Zeit. 
Langfristige solidarische Beziehungen finden wir in den eigenen Bezugsgruppen, in unserem engsten Kreis, nicht in der Gesellschaft. In grossen, anonymen Gruppen sind wir nur kurzfristig solidarisch. Da siegt unser Eigennutz – und zwar zu Recht. Sonst wären wir gar nicht überlebensfähig. Der Mensch hat zwar solidarische Züge, ist aber auch ein grosser Egoist. 
 

Die schwindende Solidarität und die unterschiedlichen Meinungen führen jetzt zunehmend zu Konflikten. Geht das immer so? 
Ja, am Anfang hat so eine Krise etwas unheimlich Vereinigendes. Erst danach kommen die unterschiedlichen Positionen ins Spiel. Mit den Lockerungen Coronavirus Rechtliche Fragen zur Lockerung der Massnahmen zog ein Gefühl der Fremdbestimmtheit durch das Land, wodurch das Streben nach Autonomie in den Demonstrationen zum Ausdruck kam. Die Leute wollen sich nicht reglementiert fühlen. Im Endeffekt gehört es zur Demokratie, dass Menschen unterschiedliche Meinungen haben – und dass man diese auch zulässt. In der Soziologie nennen wir das zivilgesellschaftliches Engagement. Ein Beispiel ist der Streiktag «Friday for Future» der Klimabewegung . Es ist also an sich nichts Ungewöhnliches. 
 

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Nicht alle trifft die Krise gleich stark. Wird sie am Schluss soziale Ungleichheiten noch verstärken?
Der Unterschied zwischen den sozialen Schichten wächst durch eine solche Krise, die soziale Ungleichheit wird definitiv verstärkt. Das werden wir in den nächsten Jahren sehen. Zwar hat auch die soziale Mobilität in der Gesellschaft zugenommen, aber diese wird wohl nicht zu weniger Ungleichheit führen.

Zur Person

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Katja Rost, 44, ist Professorin für Soziologie und Privatdozentin für Wirtschaftswissenschaften an der
Universität Zürich.

Quelle: PD
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