Fast niemand trägt in Tram, Bus und Bahn eine Maske. Warum? Man erinnert sich an die letzten Tage des März 2020. Damals riet das Bundesamts für Gesundheit (BAG): «Gesunde Personen sollen in der Öffentlichkeit keine Hygienemasken tragen. Diese schützen eine gesunde Person nicht effektiv vor einer Ansteckung mit Viren der Atemwege.» 

Mehrfach erklärte Daniel Koch, damals Chefbeamter des BAG, keine wissenschaftliche Studie beweise, dass einfache Schutzmasken gegen eine Ansteckung mit Coronaviren schützten. Der Beobachter dagegen berichtete schon am 1. April Schutz vor Coronavirus Der Masken-Mythos von Studien, die eine Schutzwirkung nahelegen.

Seit 1. Juni liegt zudem eine erste Meta-Analyse aller Studien vor, die sich mit Masken zum Schutz vor Betacorona-Viren befassen. Das sind das neuartige Sars-Cov-2 und die eng verwandten Erreger der Sars-Epidemie von 2003 und der Mers-Ausbrüche von 2013 bis 2016. Im Fachmagazin «Lancet» kommen Forschende der kanadischen McMaster-Universität zum Schluss: Wer eine einfache OP-Mundmaske oder eine mehrlagige Mund-Nasen-Bedeckung aus Baumwolle trägt, senkt sein Infektionsrisiko um 80 Prozent.

Masken-Studien waren «nicht perfekt»

Die «Lancet»-Arbeit sichtet nur am Rande Studien, die in der aktuellen Pandemie gemacht wurden; diese werden erst nach und nach veröffentlicht und können deshalb erst in künftigen Updates der Metaanalyse berücksichtigt werden. Mit anderen Worten: Die Erkenntnisse zur Schutzwirkung sind Jahre alt. Anders als Daniel Koch sagte, gab es schon lange wissenschaftliche Studien, die beweisen, dass Masken helfen Schutz vor Coronavirus So verwenden Sie die Hygienemaske richtig – nur wurden sie vor allem in Asien gemacht und im Westen weitgehend ignoriert.

«Vor uns hatte sich in den Expertengremien niemand die Mühe gemacht, diese Studien anzuschauen», sagt Holger Schünemann, Professor für klinische Epidemiologie an der McMaster-Universität und Mitautor der neuen Metastudie. Das Problem sei: Diese Untersuchungen sind nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten nicht perfekt. 

«Die Bevölkerung kann sich mit Masken praktisch nicht schützen. Es gibt keine Studie, die beweist, dass das wirksam ist.»

Umstrittene Aussage von Daniel Koch, ehemaliger Leiter der Abteilung «Übertragbare Krankheiten» beim Bundesamt für Gesundheit
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Neben der Gruppe der Maskenträger gab es zwar eine Kontrollgruppe ohne Maske. Wer in welche Gruppe kam, wurde aber nicht zufällig bestimmt – die Studien sind damit nicht randomisiert. Allerdings lassen sich solche randomisierten Studien in Pandemien kaum durchführen. «Quasi die einzige Möglichkeit wäre, zum Beispiel einzelne Bezirke von Städten oder ganze Städte dazu zu bestimmen, eine Maske zu tragen – und andere nicht», sagt Schünemann. Man könnte aber «nicht sicherstellen, dass aus der Gruppe, die man dazu bestimmt hat, keine Maske zu tragen, wirklich niemand eine anhat und umgekehrt.» Genau das würde die Ergebnisse aber verfälschen.

Also untersuchte der deutsche Epidemiologe, der in Kanada lebt und in der evidenzbasierten Medizin eine Grösse ist, eben das, was es an Studien gab – und das Ergebnis war klar. «Die 80 Prozent Risikoreduktion haben wir in verschiedenartig angelegten Studien sowohl aus dem Gesundheitssektor als auch in solchen aus Privathaushalten gefunden», sagt Schünemann. «Das spricht dafür, dass Masken tatsächlich einen grossen Schutzeffekt haben.»

BAG verzichtet weiter auf Maskenpflicht

Die WHO reagierte schnell. Vier Tage nach Veröffentlichung änderte die Weltgesundheitsorganisation WHO ihre Leitlinien. Vorher hatte sie geraten, dass ausserhalb des Gesundheits- und Pflegesektors nur Menschen mit Symptomen wie Husten oder laufender Nase eine Maske tragen sollten. Neu empfiehlt sie, dass Regierungen die allgemeine Öffentlichkeit darin bestärken sollen, überall dort Masken zu tragen, wo man nicht Distanz halten kann.

Das entspricht auch der Linie des BAG, das seit dem 28. April genau das empfiehlt. Weiteren Handlungsbedarf, der sich aufgrund der neuen Studie ergibt, sieht man aber nicht. «Das BAG verzichtet auf eine allgemeine Maskenpflicht», schreibt Sprecher Daniel Dauwalder auf Anfrage des Beobachters. 

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Task-Force wollte Maskenpflicht einführen – Bundesrat lehnte ab

Allerdings: Die Science-Taskforce, die den Bundesrat berät, spricht sich klar für eine Maskenpflicht aus. «Die Tatsache, dass eine Maske schützt, kann niemand wegdiskutieren», sagt Marcel Tanner, Präsident der Schweizer Akademien der Wissenschaft und innerhalb der Taskforce für das Thema zuständig. Die Task-Force habe schon Anfang April eine Maskenpflicht empfohlen, wenn Abstände nicht eingehalten werden können. Aber damals sei das «nicht vom BAG in seine Empfehlungen aufgenommen» worden. 

Das BAG hat bis heute die falsche Aussage seines ehemaligen Chefs nicht korrigiert, dass es keine Studien gebe, die den Nutzen von Masken zum Eigenschutz belegten. Das habe, so vermutet Ernst Fehr, Professor für Verhaltensökonomie an der Uni Zürich, zur geringen Akzeptanz von Masken Nur wenige tragen Hygienemasken «Eine Maskenpflicht würde uns entlasten» in der Schweiz beigetragen. «Heute kommt man sich wie ein Aussenseiter vor, wenn man eine Maske trägt», sagt Fehr. «Am Anfang wurde ihre Wirksamkeit heruntergespielt. Dabei hätte man ehrlich sagen sollen: Wir haben momentan zu wenig Masken, aber sie nützen. Es wäre gut, wenn die Bedeutung der Schutzmasken jetzt klar kommuniziert würde.»

Fehr arbeitet mit Nora Szech zusammen. Die Professorin für politische Ökonomie am Karlsruhe Institute of Technology forscht über Anreize menschlichen Verhaltens. «Für die Motivation ist immer besser zu wissen, dass man damit auch etwas für sich selbst tut Psyche Was macht die Corona-Krise mit uns? », sagt sie. «Es ist deshalb schlimm, dass die Masken so schlechtgemacht wurden.» Die Fehleinschätzung habe sich bei vielen nun festgesetzt.

«Behörden sollten Fehler zugeben»

Ein Hinweis, dass diese Einschätzung zutrifft, gibt die Situation in Deutschland. Dort hatte die zuständige Infektionsschutz-Behörde, das Robert-Koch-Institut (RKI), anfänglich genau gleich wie das BAG kommuniziert: Masken helfen nicht zum Eigenschutz. Auch als Kanzlerin Angela Merkel Mitte April zum Maskentragen im ÖV aufgerufen hatte, sah man kaum Leute mit Mund-Nase-Schutz. Das änderte sich erst Ende April mit der Maskenpflicht. «Natürlich ist es peinlich, einen Fehler zuzugeben. Aber wenn es um Gesundheit der Bürger geht, sollten Behörden es unbedingt tun, damit das Vertrauen in die Institutionen erhalten bleibt», sagt Nora Szech. 

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Warum aber haben die Behörden in der gesamten westlichen Welt nicht früher zu Masken geraten? «Masken zu tragen ist bei uns nicht wie anderswo tief in der Kultur verankert», vermutet Marcel Tanner. «Ausserdem wollten die Behörden offenbar nur Massnahmen empfehlen, die quasi absolute Sicherheit versprochen hätten – und das leistet eine einfache Maske eben nicht.» 

Kaum einer hält sich an Masken-Empfehlung im ÖV

Übertriebene Sicherheitsstandards haben wohl eine Rolle gespielt, vielleicht auch westliche Ignoranz. Nora Szech: «Im Westen hätten wir uns in der Frühphase der Epidemie den generellen Maskengebrauch von asiatischen Ländern abschauen sollen. Wir waren nicht offen genug für die Erfahrungen anderer.» 

Immerhin sind sich die Experten nun einig. «Gerade jetzt, wo wir aus dem Lockdown herausgehen, wird die Mund-Nase-Bedeckung immer wichtiger», sagt Marcel Tanner. «Je mehr wir das selektive Maskentragen verinnerlichen, desto mehr Normalität ist möglich.» 

Der britische Epidemiologe Richard Stutt von der Uni Cambridge hat kürzlich vorgerechnet, dass das Tragen von Masken – und nicht nur bei Symptomen – die Ausbreitung des Virus auch ohne weiteren Lockdown stoppen kann. Auch das BAG ist jetzt klar in seiner Kommunikation: «Der Bundesrat empfiehlt weiterhin dringend, im ÖV Masken zu tragen. Alle Reisenden sollen stets eine Gesichtsmaske bei sich tragen.»

Es wird allerdings Zeit für eine umfassende Überzeugungsarbeit. Eine Auswertung an den Bahnhöfen von Zürich, Lausanne und Bern im Auftrag der Tamedia ergab, dass Mitte Juni nur sechs Prozent der Fahrgäste mit Maske unterwegs waren. 

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Wie hilfreich sind Schutzmasken?

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Dr. med. Claudia Twerenbold erklärt, ob Masken wirklich schützen – und worauf man bei selbstgemachten Modellen achten sollte.

Quelle: Beobachter Bewegtbild

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Chantal Hebeisen, Redaktorin

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