Es riecht nach Verbranntem. Alfred Leuenberger* sieht noch die Flammen an seinem Oberkörper aufsteigen, dann dämmert er weg. Notfall-Vollnarkose.

Der 77-jährige Leuenberger war nach einem Schlaganfall ins Basler Universitätsspital eingeliefert worden. Es drohten schwere Hirnschäden. Der Arzt schnitt ihm deshalb notfallmässig mit einem Elektroskalpell die Halsschlagader auf, um die Verengung so schnell wie möglich zu beseitigen. Plötzlich brannte Leuenbergers Haut. Das Elektroskalpell hatte den aufgetragenen Alkohol in Brand gesetzt, die sterilen Abdecktücher entzündeten sich. Die Verbrennungen zweiten Grades, die Alfred Leuenberger erlitt, mussten sieben Tage später bei einer zweiten Operation separat behandelt werden. Sie verheilten einigermassen gut.

Der Moment, als er wehrlos auf dem Schragen des Universitätsspitals Basel lag und brannte, verfolgte Alfred Leuenberger noch Jahre. Nachts wachte er schreiend aus Albträumen auf. Sein Psychiater attestierte ihm eine posttraumatische Belastungsstörung und verschrieb Antidepressiva und Schlafmittel.

Jeder zehnte Spitalpatient ist betroffen

Was Leuenberger durchmachte, nennen Forscher «einen unerwünschten Zwischenfall». Jeder zehnte Spitalpatient in der Schweiz ist betroffen. Rund 120'000 Frauen und Männer pro Jahr erleiden während des Spitalaufenthalts einen gesundheitlichen Schaden, der nichts mit dem Einlieferungsgrund zu tun hat. Die Hälfte davon wäre vermeidbar, sagt das Bundesamt für Gesundheit aufgrund wissenschaftlicher Erhebungen.

Die explosive Aussage bedeutet: Wäre die Patientensicherheit besser, könnten 2000 bis 3000 Leben gerettet werden. So viele Patienten sterben wegen vermeidbarer Fehler, hat das Bundesamt hochgerechnet. Jedes Jahr. In einem durchschnittlichen Jahr ist dies mehr als das Doppelte der Todesfälle durch Grippe und Verkehrsunfälle zusammen.

Zwischenfälle bei Operationen sind nur eines der vielen Risiken, die im Spital drohen. Sehr oft passieren Fehler bei der Vergabe von Medikamenten, oder es kommt zu Infektionen. Viele Fälle werden aber nicht richtig abgeklärt, eine Entschuldigung oder gar eine Entschädigung durch das Spital gibt es selten.

Anzeige

Infografik: So viele Fehler passieren an Schweizer Spitälern

Infografik: So viele Fehler passieren an Schweizer Spitälern

(Klicken Sie auf die Infografik, um sie zu vergrössern.)

Quelle: BFS [2018] / P. Halfon u. a: «Adverse events related to hospital care» [2017] / BAG | konservativ berechnet – Infografik: Anne Seeger und Andrea Klaiber

Was Patientinnen und Patienten nach einem «unerwünschten Zwischenfall» durchmachen, zeigt exemplarisch der Fall von Ursula Lüthi, die seit 17 Jahren für Gerechtigkeit kämpft. 2003 wurde sie mit Verdacht auf einen Schlaganfall notfallmässig ins Berner Inselspital eingeliefert. Dort diagnostizierte man eine Stenose, eine hochgradige Verengung der Halsschlagader, oder sogar einen «Verschluss der inneren Halsschlagader». Doch es erfolgte keine weiterführende Untersuchung, kein Eingriff. Die Patientin wurde sogar mitten in der Nacht nach Münsingen überführt.

Dort wussten die Ärzte nichts vom medizinischen Befund. Am nächsten Vormittag erlitt Ursula Lüthi einen Hirnschlag. Sie ist seither schwer pflegebedürftig. Das Inselspital weigert sich bis heute, Fehler einzugestehen und die Patientin zu entschädigen.

Anzeige

Mangelnde Fehlerkultur

Das Schweizer Gesundheitswesen krankt grundsätzlich an einer mangelnden Fehlerkultur. Das hat das Bundesamt für Gesundheit vor der Corona-Krise im Nationalen Qualitätsbericht festgestellt. Die Führungskräfte in den Spitälern «müssen ein Umfeld fördern, in dem jede und jeder Fehler melden darf», empfehlen die Autoren. Erst wenn es eine Vertrauenskultur gebe, werde das Personal aus Fehlern und unerwünschten Ereignissen lernen können.

Doch vielfach verhindern finanzielle Interessen, dass eine offene Fehlerkultur entstehen kann. Der Grund: Wenn ein Spital zugibt, dass es zu einem Fehler gekommen ist, muss die Haftpflichtversicherung womöglich Schadenersatz bezahlen. Zu denken geben muss auch ein weiterer Befund im Qualitätsbericht: «Die meisten Haftpflichtversicherungen in der Schweiz raten offenbar davon ab, nach einem Fehler das Gespräch mit der geschädigten Person zu suchen, und unterbinden jegliche Kommunikation, sobald ein Schaden geltend gemacht wird.»

Wenn Spitäler Fehler zugeben, geschieht das meist nur im Geheimen. Sie melden zwar durchschnittlich zwei Fälle pro Tag bei der Haftpflichtversicherung an, in rund 600 Fällen pro Jahr einigen sich Spitäler und die Patienten aber aussergerichtlich. Die Öffentlichkeit erfährt davon nichts. Dies zeigt eine Auswertung der Haftpflichtfälle über zehn Jahre. Das Bundesamt für Gesundheit spricht von «eingeschränkter Transparenz». Falls eine Patientin aussergerichtlich eine Entschädigung erhält, wird sie in der Regel zu Stillschweigen verpflichtet. Geld fliesst lediglich in einem von drei Fällen.

Anzeige

Nur einer von zehn geschädigten Patienten geht juristisch gegen das Spital oder den Arzt vor. Ursula Lüthi und Alfred Leuenberger sind Ausnahmen. Lüthi klagte auf Staatshaftung, Leuenberger reichte Strafanzeige wegen Körperverletzung ein. Die Basler Staatsanwaltschaft eröffnete in dem Fall eine Voruntersuchung, die Polizei befragte die Beteiligten. Eine Operationsschwester sagte aus, desinfizierte Haut brenne nur, wenn das Personal sich zu sehr beeile. Man müsse warten, bis das Desinfektionsmittel gut eingetrocknet sei, sonst könne das Elektroskalpell den Alkohol entzünden. «Es muss ein Fehler des Personals gewesen sein.»

Lustlose Staatsanwaltschaft

Der Operateur, ein Basler Titularprofessor und leitender Arzt, empfand das offenbar als Majestätsbeleidigung. Er habe zu Alfred Leuenberger bei einer Nachkontrolle gesagt: «Wegen Leuten wie Ihnen haben wir Ärzte immer weniger Lust, zu operieren. Ohne mich wären Sie gestorben.» Über seine möglichen Fehler wollte er nicht reden. Man sehe sich ja dann vor Gericht.

Einen Gerichtstermin gab es nicht, die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein. Ein Gutachten war zum Schluss gekommen, dass beim Brand «die Regeln der ärztlichen Wissenschaft» nicht verletzt worden seien. Brennende OP-Tücher seien eine Komplikation, mit der Patienten bei dieser Operation rechnen müssten. In fünf Jahren sei das am Basler Unispital 13 Mal geschehen. Kein Fehler, keine Anklage.

Leuenbergers Anwalt Dieter Troxler versteht den Entscheid bis heute nicht. «Einen Brand gibt es nur, wenn jemand einen Fehler macht.» Diese Logik gelte zwar in jeder Fabrik, aber offenbar nicht in einem Operationssaal. Troxlers Fazit: «Die Basler Staatsanwaltschaft ging mit den möglichen Tätern äusserst rücksichtsvoll um und ermittelte auffällig lustlos.»

Anzeige

Vier Jahre nach der Operation starb Alfred Leuenberger, ohne eine Entschädigung erhalten zu haben. Sein Operateur ist inzwischen Chefarzt und leitet am Basler Unispital eine Klinik.

Infografik: Bei welchen Behandlungen die Fehler passieren

Infografik: Bei welchen Behandlungen an Schweizer Spitälern Fehler passieren

Ein mittelgrosses Schweizer Akutspital untersuchte 2017 alle Zwischenfälle mit schweren Folgen.

Quelle: P. Halfon u. a: «Adverse events related to hospital care» [2017] – Infografik: Anne Seeger und Andrea Klaiber

Die Beweispflicht

Patienten haben nur schlechten Zugang zu den internen Abläufen in Spitälern, müssen aber vor Gericht belegen können, dass ein ärztlicher Fehler vorliegt. Anders als etwa in Schweden oder Österreich haften Spitäler und Ärztinnen in der Schweiz höchstens bei erwiesener Grobfahrlässigkeit. Oder bewiesener Verletzung der Sorgfaltspflicht, die «mit hoher Wahrscheinlichkeit» zum Schaden geführt hat.

In Stellungnahmen erklären Spitäler häufig, dass sie von der Fliegerei gelernt haben und dass sie Fehlerquellen mit Hilfe von Checklisten beseitigen. Trotzdem ist das Risiko viel grösser, wegen eines Fehlers in einem Spital zu sterben als bei einem Flugzeugabsturz. Das liegt zwar in der Natur der Sache. Aber anders als im Spital werden nach einem Crash sämtliche Fehlerquellen akribisch genau erfasst und untersucht, um weitere Abstürze möglichst zu vermeiden. So will man sicherstellen, dass man aus Fehlern das Maximum lernt.

Anzeige

Anders in Spitälern: Interne Fehlermeldungen sind meist freiwillig. Und dort, wo sie obligatorisch sind, gibt es keine Sanktionen, wenn Meldungen unterlassen werden. Zudem gibt es bis heute keine zentrale, staatlich kontrollierte Erfassung und Auswertung von Fehlermeldungen – im Gegensatz zur Luftfahrt. Man schweigt unter dem Deckmantel des Datenschutzes.

Sogar in jenen Fällen, in denen Spitäler gesetzlich verpflichtet sind, Fehler zu melden, wird dies immer wieder unterlassen. Das zeigen verschiedene Gerichtsfälle. Im Frühling 2018 verurteilte die Aufsichtsbehörde Swissmedic die Universitätsspitäler Zürich und Basel sowie das St.Galler Kantonsspital – wegen schwerer Verstösse gegen die Meldepflicht. Diesen Frühling büsste Swissmedic das Inselspital. Die Berner Spitalgruppe hatte in rund 100 Fällen wegen fehlerhafter Medizinprodukte gegen die Meldepflicht verstossen.

Gesetzlicher Auftrag

Das Problem ist seit Jahren bekannt, doch der Bund ist bis heute untätig geblieben. Bei der Einführung des Krankenversicherungsgesetzes vor 24 Jahren erhielt der Bundesrat den Auftrag, «systematische wissenschaftliche Kontrollen zur Sicherung der Qualität» durchzuführen. Um das zu ermöglichen, hätte der Bundesrat von den Spitälern einfordern müssen, dass sie die Daten über die Ergebnisse von Behandlungen einheitlich erfassen.

Genau das hat der Bundesrat aber unterlassen. Das ist der Hauptgrund, warum Spitäler, Ärztinnen und Ärzte bis heute keine vergleichbaren Daten abliefern, mit deren Hilfe man Hinweise eruieren könnte, wie Fehler wirksam bekämpft werden können. Letztes Jahr stimmte das Parlament einer Vorlage zu, die ab nächstem Januar Spitälern und Ärzten bescheidene Qualitätsvorgaben macht. Doch vom ursprünglichen Gesetzespaket blieb bloss noch eine Lightversion übrig.

Anzeige

Grosse Fehlerquote: Medikamente

Dank Routine passieren weniger Fehler. Dieser Grundsatz ist unter Fachleuten unbestritten und durch eine Vielzahl von Studien international bestens belegt. Wenn Chirurgen und ihre Teams heikle Operationen routinemässig durchführen und nicht nur wenige Male pro Jahr, kommt es seltener zu Komplikationen.

Die logische Konsequenz wäre, dass der Bund den Kantonen sogenannte Mindestfallzahlen vorschreiben würde, also sagt, wie viele spezialisierte Eingriffe ein Spital und eine Chirurgin pro Jahr mindestens durchführen müssen. Wo nicht oft genug operiert wird, müssen sie auf die Operationen verzichten. Bis heute veröffentlichen aber weder das Bundesamt für Gesundheit noch das Bundesamt für Statistik solche Fallzahlen. Und bei den publizierten Operationszahlen pro Spital werden ganze Spitalgruppen zusammengefasst; deshalb ist es nur schwer möglich, die Spitäler untereinander zu vergleichen. Mit der Folge, dass zum Beispiel mehr als 2000 Frauen pro Jahr sich die Brust in einem Spital operieren lassen müssen, das nicht genug Erfahrung hat.

Anzeige

Ein weiteres Problem ist: Die Spitäler liefern die lückenhaft erhobenen, anonymisierten Fehlermeldungen ab. Ausgewertet werden sie von der Stiftung Patientensicherheit Schweiz, die daraus Verbesserungsvorschläge erarbeitet. In einer ersten Auswertung kam die Stiftung zum Schluss, dass Fehler bei der Verwendung von Medikamenten 30 bis 50 Prozent aller unerwünschten Ereignisse verursachen, die gesundheitliche Probleme auslösen. Deutlich seltener komme es zu Zwischenfällen wie venösen Thrombosen, Infektionen beim Einsatz von Kathetern, Stürzen und Wundliegen.

Ein wesentlicher Grund, warum Medikamente so oft fehlerhaft eingesetzt werden, liegt an den Packungen. Viele sehen ähnlich aus und tragen fantasievolle Markennamen, die leicht verwechselt werden können. Patientinnen- und Konsumentenorganisationen fordern deshalb schon lange, dass auf den Packungen statt der Markennamen die Wirkstoffe mit der grössten Schrift aufgeführt werden. Doch davon wollen die Pharmafirmen nichts wissen, entsprechende Vorstösse hat das Parlament abgeblockt.

Zudem gibt es in der Schweiz bislang keine einheitliche elektronische Datenerfassung. Die Stiftung für Patientensicherheit will dies schon lange ändern. Sie schlägt vor, dass abgegebene Medikamente obligatorisch in einem elektronischen Patientendatendossier erfasst werden. Damit könnte automatisch Alarm ausgelöst werden, wenn ein neu verschriebenes Medikament mit einem bereits verordneten nicht kompatibel ist.

Politischer Widerstand

Der Patientenschutz habe es im Parlament schwer, sagt Bea Heim. Das habe sie in den 16 Jahren im Nationalrat erfahren müssen, wo sie sich für mehr Qualitätssicherung im Gesundheitswesen eingesetzt hatte. Fast immer seien ihre Vorstösse am Widerstand von Spitälern und Ärzten gescheitert. «Bei den Patientenrechten Patientenakten Welche Rechte haben Patienten? sehe ich leider gar keine Fortschritte», sagt die SP-Politikerin, die letztes Jahr aus dem Nationalrat ausgeschieden ist. Ihr Fazit nach Jahrzehnten Gesundheitspolitik: «Es braucht wohl noch mehr Skandalberichte über fehlerhafte Implantate oder ungenügend geprüfte Medikamente, bis Patientinnen und Patienten mehr Rechte erhalten.»

Anzeige

Ein Lichtblick ist laut Bea Heim die Eidgenössische Qualitätskommission. Sie soll ab kommendem Januar die Arbeit von Spitälern und Ärzten qualitativ bewerten und die Resultate ihrer Bewertung öffentlich machen. Allerdings werden in der 15-köpfigen Kommission die Interessen der Patientinnen und Patienten nur durch zwei Personen vertreten sein. Der Lichtblick ist beim genaueren Hinschauen nur ein schwacher Schimmer: Die Gesundheitsbranche erhält mit sechs Sitzen dreimal so viele.

Wo Sie Hilfe bekommen

  • Wer sich vor einem Eingriff ungenügend beraten fühlt, kann sich mit Fachleuten der Akademie Menschenmedizin besprechen, die in Basel, Bern, Luzern, Winterthur und Zürich Gratisberatungen anbieten. (menschenmedizin.com)
  • Nach einem mutmasslichen Spitalfehler helfen allenfalls Beratungen bei der Patientenorganisation (spo.ch) oder bei einer regionalen Patientenstelle (patientenstelle.ch).
  • Auskunft zum Patientenrecht erteilt das Beobachter-Beratungszentrum (beobachter.ch/beratung).

Infografik: Hohe Gesundheitskosten, mittlere Qualität – Länder im Vergleich

Infografik: Hohe Gesundheitskosten, mittlere Qualität – Länder im Vergleich

Der Ländervergleich zeigt, dass sich die hohen Gesundheitskosten in der Schweiz nur begrenzt auf die Anzahl Spitalinfektionen auswirken.

Quelle: OECD [2018] / Zingg u.a.: « National point prevalence survey on healthcareassociated infections [...]» [2017]

Lesen Sie dazu auch:

Opfer (70) von Spitalfehler: Jede Minute hätte gezählt
Seit 17 Jahren leidet Ursula Lüthi, 70, unter den Folgen eines fatal verlaufenen Abends im Notfall des Berner Inselspitals. Bis heute wehrt sich das Spital dagegen, sie zu entschädigen.

jetzt lesen Opfer (70) von Spitalfehler Jede Minute hätte gezählt

*Name geändert

Get Your Lawyer Logo

Anwalt finden

Sie haben ein rechtliches Problem und brauchen Unterstützung durch eine Anwältin oder einen Anwalt? Auf GetYourLawyer – die Anwaltsplattform in Partnerschaft mit dem Beobachter – finden Sie für jeden Fall den passenden Anwalt.

«Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox»

Martin Vetterli, stv. Chefredaktor

Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox

Der Beobachter Newsletter