Sie wirkt stark, als könne ihr niemand etwas anhaben. Rastalocken, Nasenring, Piercings und Tattoos, laute Stimme, forsches Auftreten. Doch das ist bloss Luisa Camenischs* Schutzpanzer, der ihre Verletzlichkeit verbergen soll. Die 28-jährige Bündnerin sagt: «Das Tätowieren ist meine Art, mit dem Schmerz umzugehen. Ich muss die Wut rauslassen, sonst gehe ich kaputt.» Nur wenig an ihrem Körper ist noch nicht von Tattoos bedeckt.

Luisa Camenisch leidet an einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung. Eine besonders schwere Traumatisierung, typisch nach psychischen, körperlichen oder sexuellen Gewalterfahrungen. Vielen Opfern fällt es schwer, darüber zu sprechen. Oft kommt das ganze Ausmass der Verletzung erst später hervor, manchmal nach Jahren. Bei Luisa Camenisch passierte der Übergriff vor zehn Jahren.

Heute geht sie einmal pro Woche zur Therapie bei ihrem Psychiater, bekommt jede Woche Besuch von der psychiatrischen Spitex, die kontrolliert, ob sie ihre Medikamente regelmässig nimmt. «Ohne Tabletten würde ich keinen Tag durchstehen», sagt Luisa Camenisch. Manche Tage seien so schwarz, da schaffe sie es nicht einmal, den Briefkasten zu leeren. Geschweige denn zu duschen oder zu essen. Trotzdem arbeitet die Pflegefachfrau zwei Tage pro Woche.

Mit ihrem Partner habe sie eine Abmachung: «Er verwaltet meine Medis und gibt sie mir, wenn ich sie brauche.» Er hat sie versteckt, damit sie sich keine Überdosis mischen kann. «Er ist wie eine Betonmauer, die immer hinter mir steht. Nur bei ihm fühle ich mich wirklich sicher.»

Ihr Partner kennt ihre Geschichte, ihre Mutter auch. Sonst kaum jemand. Damals, vor zehn Jahren, war sie eine schüchterne junge Frau, im zweiten Lehrjahr als Fachangestellte Gesundheit. Nachdem es passierte, habe sie nichts sagen können, «weil ich mich schämte , es waren nur männliche Polizisten vor Ort». Sie will nicht, dass ihr Umfeld an dem zerbricht, was ihr damals angetan wurde. Vor allem ihr Vater nicht.

«Sie drohten, mich sonst umzubringen»

An einem Samstagabend im Frühsommer 2010 ist Luisa Camenisch mit zwei Kolleginnen im Ausgang. Gegen ein Uhr morgens wollen sie noch auf einen letzten Absacker in eine Bar im Welschdörfli, dem Ausgehviertel von Chur. Sie parkieren das Auto in einem kleinen Innenhof und laufen los. Luisa Camenisch merkt, dass sie ihre schwarze Lederhandtasche im Auto vergessen hat, und geht deshalb allein zurück zum Auto.

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Plötzlich umringen sie vier junge Männer, vier Tamilen. Sie sind angeheitert, pöbeln, haben eindeutige Absichten. «Sie sagten, ich solle mich nicht so anstellen, nicht schreien. Sie drohten, dass sie mich sonst umbringen.» Dann ein Faustschlag ins Gesicht. Luisa Camenisch knallt mit dem Hinterkopf auf den Boden, verliert das Bewusstsein.

«Einmal wachte ich kurz auf, da kniete einer der Männer auf mir, drückte meinen Oberkörper auf den Boden und zerrte an meinem Shirt.» Sie trug Jeans, ein graues T-Shirt und Turnschuhe. Mehr weiss sie nicht mehr. Erst später in der Therapie kommt vieles wieder hoch, einiges nur bruchstückhaft, auch der sexuelle Missbrauch. Sie erinnert sich, wie die Männer ihr T-Shirt hochrissen und sie anfassten.

Ein junger Afrikaner, der zufällig vorbeikommt, alarmiert die Polizei. Einer der Täter wird noch vor Ort gefasst, die anderen werden später verhaftet. Camenisch wird von der Polizei ins Spital gebracht. Im Bericht des Kantonsspitals Graubünden heisst es: «Kontusionen nach tätlichem Übergriff. Kontusion Mittelgesicht links; Thoraxkontusion links basal, Exkoreation patelär links.» Prellungen und Blutergüsse im Gesicht, auf dem Brustkorb sowie Schürfwunden. Dazu eine Hirnerschütterung. Gynäkologisch wird sie nicht untersucht, weil sie im Spital nichts zu den sexuellen Übergriffen sagt Vergewaltigung Was tun nach der Tat? .

Im Schockzustand

Um fünf Uhr morgens wird sie entlassen und fährt mit dem Taxi nach Hause. Ihre Mutter weilt beruflich im Ausland. Der Vater nimmt seine zusammengeschlagene und traumatisierte Tochter in Empfang. Er kann mit der Situation nicht umgehen, steht unter Schock, will die Täter «abschlagen», seine Tochter rächen. Luisa Camenisch telefoniert mit ihrer Mutter, die versucht, die Situation zu begreifen, die Tochter und ihren Mann zu beruhigen.

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Luisa Camenisch wird von Albträumen heimgesucht, hat Panikattacken Panikanfälle Ein dunkles Leben mit der Angst im Nacken . Tage später erstattet sie Anzeige. Vom Missbrauch erzählt sie auch da nichts. Auf Polizeifotos erkennt sie die Täter. Alle vier sind aktenkundig, haben schon mehrere Delikte begangen. Die Täter werden mit einer Geldstrafe für den «tätlichen Übergriff» gebüsst.

Trotz ihrer Angstzustände und obwohl sie bei der Arbeit oft fehlt, schafft Luisa Camenisch ein Jahr später den Lehrabschluss. «Ich wollte das unbedingt, habe all meine Energie darauf verwendet.» Nach der Prüfung bricht ihr Kartenhaus zusammen. Wenn sie einen Tamilen sieht, wechselt sie die Strassenseite, bekommt Schweissausbrüche und Herzrasen. «Ich weiss, dass diese Person nichts dafür kann, aber ihr Aussehen ist ein Trigger, ein Auslöser, der alles wieder hochkommen lässt.» Sie traut sich nicht mehr allein in die Stadt, fährt nicht mehr Zug und Bus, schaut sich dauernd um, ob jemand hinter ihr her ist. Die Panikattacken häufen sich.

Gegen aussen zeigt sie ihre harte Schale. Aber es braucht wenig, und sie bricht zusammen.

Illustration: Frau mit Rasta-Zöpfen
Quelle: Andreas Gefe
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Luisa Camenisch versucht vergeblich, einen festen Job zu finden. Ihre psychische Verfassung lässt sie immer wieder scheitern. Damit sie irgendwie funktioniert, erhält sie von Ärzten und Psychiatern Valium und Antidepressiva Antidepressiva «Langfristig wirkt Psychotherapie besser als Medikamente» . «Ich war ein Zombie», sagt sie.

Einmal sei sie einfach umgefallen, habe nichts mehr gespürt, sich nicht mehr bewegen können. «Sie ass die Tabletten wie Bonbons», erinnert sich ihre Mutter. Es sei eine sehr schwierige Zeit gewesen, Luisa habe viel geschrien, sei oft ausgetickt. «Sie tat mir so leid, ich wusste nicht, wie ich helfen sollte.» Früher sei ihre Tochter ein ganz normaler Teenager mit Ecken und Kanten gewesen, nach dem schrecklichen Übergriff sei sie eine andere Person geworden. «Etwas ist in ihr zerbrochen.»

Wenn Luisa Camenisch schläft, beisst sie vor Anspannung so fest die Zähne zusammen, dass am Morgen der Kiefer schmerzt.

Stundenlang weinen

Nach zwei Jahren findet sie endlich einen Psychiater, von dem sie sich verstanden fühlt Psychotherapie Des einen Freud... . Bei ihm ist sie bis heute. Die Medikamente werden so dosiert, dass sie sich wieder spürt. Ihr ist es wichtig, nicht als Opfer abgestempelt zu werden: Sie sei einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Das sagt ihr der Kopf – in ihrem Inneren sieht es anders aus. Gegen aussen hat sie ihre harte Schale, aber es braucht erschreckend wenig, und sie bricht zusammen. «Jeder Tag ist ein Überlebenskampf», sagt sie. Manchmal gehe es besser, oft auch nicht. Dann weint sie stundenlang und ist völlig kraftlos.

Ihr Arzt sagt ihr, dass sie sich bei der IV anmelden soll. Aufgrund ihres Gesundheitszustands kann sie nur Teilzeit arbeiten. Die IV rät zu einer Umschulung, bezahlt sie auch. Nach mehreren Arbeitstrainingseinsätzen schnuppert Luisa Camenisch als kaufmännische Angestellte und bekommt die Lehrstelle. Doch sie hat Pech. Ihr Chef hat, das ist aktenkundig, schon mehrere Angestellte sexuell belästigt.

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Als er mit seinen Avancen auch bei ihr beginnt, schmeisst sie die Lehre. «Ich habe es nicht ausgehalten.» Schnell findet sie eine neue Lehrstelle. Der neue Chef ist Alkoholiker, sie bricht auch diese Lehre ab. Danach beendet die IV das Umschulungsverfahren und gibt ihr keine weitere Chance mehr. Sie soll sich für eine Rente anmelden. «Ich wollte doch arbeiten. Und das will ich immer noch», sagt Luisa Camenisch.

Für den Rentenanspruch wird sie medizinisch abgeklärt, ein IV-Gutachter gelangt zum Schluss, dass «in einer leidensadaptierten Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 90 Prozent» bestehe. 2018 wird deshalb ihr Anspruch auf eine Invalidenrente Invalidenversicherung Das müssen Sie über die Invalidenrente wissen abgewiesen. Das Gutachten ihres Psychiaters wird nicht berücksichtigt, obwohl er ihre langjährige Leidensgeschichte wohl am besten kennt.

«Um Monate zurückgeworfen»

Ihr Psychiater sagt, der negative Entscheid der IV habe Luisa Camenisch sehr enttäuscht und verletzt. «Weil man sie nicht richtig wahrnahm und der Gutachter ihr nicht glaubte. Der Entscheid löste bei ihr Existenzängste aus und warf sie gesundheitlich um Monate zurück.»

Wenn man einer Versicherten sage, sie sei zu 90 Prozent arbeitsfähig, und das überhaupt nicht stimme, könne es dazu führen, dass sie zusammenbricht. Eine Teilrente für eine gewisse Zeit würde ihre Arbeitsfähigkeit am ehesten wieder steigern. «In meiner Erfahrung sind die Denkschemas der IV zu einfach und entsprechen nicht der Dynamik des Lebens.»

Auch Luisa Camenischs Rekurs vor dem Bündner Verwaltungsgericht wird im Winter 2020 abgewiesen. Sie bekommt definitiv keine Rente. Den Weiterzug ans Bundesgericht kann sie sich nicht leisten.

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Luisa Camenisch wünscht sich nur eins: Normalität. Ende Sommer wird sie ihren Partner heiraten. Hochzeitskleid und Anzug sind schon lange gekauft. Sie lächelt, ein rarer Moment.


*Name geändert

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Birthe Homann, Redaktorin

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